SelbstHeilung.me

Selbstheilung ist Versöhnung mit sich selbst

schau an 16 04 2018

BARAKA

Baraka ist im Islam, speziell in der Sufi-Sprache ein Begriff der Segenskraft ausdrücken soll. Die Kraft sei an einen bestimmten Menschen oder an spezielle Gegenstände, wie an einen Ort gebunden, von denen sie auf andere Menschen übertragen werden kann. Im islamischen Glauben können Gegenstände mit Baraka „aufgeladen“ werden, etwa indem man Tücher auf Heiligengräber legt. Nach einer Weile werden sie dann wieder abgeholt und dann getragen. Manchmal werden Gegenstände auch mit Vorhängeschlössern an den Gittern von heiligen Stätten befestigt, um sie später wieder abzuholen. Baraka kann auf Nachkommen vererbt werden. Im Sufismus und Derwischtum spielt Baraka eine sehr zentrale Rolle. Die Aufnahme eines Adepten (Murid) in einen Sufi-Orden geschieht durch Übergabe einer Chirqa. Dies ist ein wollener Mantel, der die Übertragung der Baraka vom Gründer des jeweiligen Ordens auf den amtierenden Scheich veranschaulicht. Baraka enthält auch das Wasser der Zamzam-Quelle im Vorhof der Kaaba. Quelle

Erscheinung: 16. Juli 1993 (UK)
Regie/Drehbuch/Kamera: Ron Fricke
Musik: Michael Stearns
Produzent: Mark Magidson

Hier der ganze Film:
Interpretation:

Dieser Film kommt ohne Worte aus. Er zeigt, wie die Menschen gefangen sind, in ihren Ritualen. Baraka ist eigentlich eine Hommage an das Ritual an sich. So dürfen wir erkennen, dass das Leben, die Wiedergeburt und das Sterben Rituale sind. Wenn wir den Ritualen nachgehen sind wir in ihnen gefangen und erhalten gleichzeitig das Gefühl gut, richtig und geborgen zu sein. Dieses Gefühl kann nur deshalb auftreten, weil uns die Handlungen, die während der Rituale ausgeführt werden, bekannt sind und uns deshalb ein Gefühl von Sicherheit oder von gut sein vermitteln. Tatsächlich dreht sich die Welt weiter. Auch Rituale können den Lauf von Veränderungen, von Werden und Vergehen nicht aufhalten. Der Film beginnt mit Bildern der nackten scheinbar unberührten Erde. Dann zeigt er Bilder eines Schneeaffen, der nachdenklich in einer heißen Quelle sitzt und einen Zustand der idealen Harmonie zwischen bewussten Wesen und Natur gefunden zu haben scheint.

Anschließend führt er uns weiter zum Pasupati-Tempel und zum Swayambhunath-Tempel in Kathmandu Nepal. Die Menschen scheinen keine Transportmittel zu brauchen und tragen, was sie tragen können. Dann zeigt er Sadhu, einen Adepten Shivas, mit seinen Rastalocken versunken in Gebets-Ritualen zu sein scheint, die er aus einem riesigen Gebetsbuch rezitiert.

Unvermittelt schwenkt der Regisseur nach Zidul Plangerii in Jerusalem, Israel, um kurz darauf zu den Dervisii Rotitori im Galata-Mevlevi-Tempel von Istambul, Türkei zu wechseln. Auch hier geht es darum, sich in voller Hingabe dem Ritual zu widmen, dem des Tanzes und des Drehens. Gleich darauf folgt der für Frauen mit einem riesigen Schloss symbolisch versperrte Altar Mohammeds in Mecca, Saudi Arabien. Die Frauen scheinen das Schloss und ihren Ausschluss zu verehren. Und schon führen uns die Bilder weiter in den Iran zur Isfahan– oder Freitagsmoschee.

Es sind noch keine zehn Minuten vergangen, kehren wir nach Israel zur Grabeskirche nach Israel zurück. An diesem Ort soll Jesus von Nazareth gekreuzigt und bestattet worden sein. Ab der zehnten Minute gehen wir nach Lahsa, Tibet. Ofrande de lumina Tempel Jokang. Hier wird uns ein Meer aus Kerzenlicht gezeigt. Ein Kerzenlicht steht symbolisch für ein Opfer. Das Licht wird gespendet. Dann folgt ein harter Schnitt. Wir kommen nach Kuweit, zu brennenden Ölquellen, um gleich darauf in Kyoto, Japan im Zen-Kare-san-sui-Tempel anzukommen.

Danach beginnt Baraka uns die Rituale der modernen Gesellschaft zu zeigen. In rasenden Geschwindigkeiten immer dieselben Strecken zurückzulegen, um uns die Gegensätzlichkeit zur Geschwindigkeit der Natur zu zeigen. Wir sehen Bilder aus Angkor Wat in Kambodscha und viele weitere Ausschnitte aus Gegenden und von Ritualen, wo wir bereits hingeschaut hatten.

Von Min. 13 bis 16 wird eine Gruppe indonesischer Männer vom Prambanan-Tempel aus Java gezeigt, die ganz offensichtlich ein kultisches Ritual ausführen, vielleicht um das Böse zu erschrecken. Tatsächlich handelt es sich um den indonesischen Affengesang, der Kecak genannt wird. Der Gesang hat keine religiöse Herkunft. Er wurde 1930 in Bali kreiert, um Touristen zu unterhalten. Mit dem Tanz wird die hinduistische Geschichte vom Ramayana, wie Rama von einer weißen Affenarmee unterstützt wurde, um seine entführte Frau zu retten. Der hypnotische Gesang wird manchmal auch im Ausland aufgeführt. Ein junger Mann, der in den USA einmal an dem tanz mitwirkte, sagte folgendes: „Ich habe es geliebt. Ich fühlte mich allen so nahe. Ich bin normalerweise konservativ und skeptisch, aber die Energie war so herzlich, dass ich keine Angst hatte, im Tanz mit allen zusammenzukommen. Der Regisseur von Baraka war sich dessen vielleicht nicht bewusst, als er die Bilder der Gruppe für seinen Film eingefangen hatte, dass der Affengesang ursprünglich eine Kreation für die Tourismusindustrie war und somit kein religiöses Ritual. Bei genauer Betrachtung aber gehört der Affengesang in den Film hinein, weil er ein Ritual ist, das den Menschen Sicherheit und gut sein bringt.

Diese Szene endet mit dem Schwenk zum Bromo-Vulkan auf Java, Indonesien. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Schichtvulkan oder Stratovulkane (lateinisch stratum = Schicht), der noch rege aktiv zu sein scheint. Auf Maui, Hawai gibt es den Haleakala-Nationalpark in dem es keinen Strauch und keinen Baum zu geben scheint. Das ist auch kein Wunder, denn es handelt sich um einen ruhenden Vulkan, der zuletzt 1790 ausbrach. Ab Min. 18 folgt ein grandioser Ausblick auf den Arches-Nationalpark in Utah, USA. Wie er mit seiner Kamera wohl dort hoch gekommen ist?

Der Film soll, nach den Worten des Regisseurs eine Reise der Wiederentdeckung und Wiederverbindung mit der Erde sein. Die vorherrschende Botschaft ist: „Gott ist die mystische Natur, ist die großen Städte, ist auch das Unnatürliche und das Natürliche zugleich. Menschen können sich mit der Natur durch natürliche, angeborene oder religiöse Rituale verbinden.“

Wir sehen Bilder aktiver Vulkane, Wasserfälle, schäumende Wolken und Sterne über den Wolken im Zeitraffer. Was möchte der Autor damit sagen? Wahrscheinlich, dass auch die Natur ihren Ritualen folgen muss. Der Film zeigt wiederkehrende Bilder von ritueller Körperbemalung, gestreckter Ohrläppchen, Tattoos, Gesichtsbemalungen und Kopfbedeckungen. Wir können daran beobachten, dass jeder Mensch sein individuelles Ritual lebt.

Die ganze Zeit schwingt der Film in einem sakral-spirituellen Ton, was in sich wohl eine Art Ritual ist, eine Art Ehrerbietung gegenüber der Natur in Form dieses Filmes.

Dann beginnt er die Dinge gegenüberzustellen. Er zeigt enge Behausungen von Menschen und eng angelegte Grabstätten von Menschen. In einer Szene werden japanische Kapselhotels gezeigt, die wie gestapelte Särge wirken und oft nur einen einzigen Bewohner haben.

Er stellt eine Zigarettenmanufaktur in Indonesien einer High-Tech-Elektronik-Montagelinie gegenüber, in der Arbeiter Gesichtsmasken tragen. Damit wird das Ritual der Arbeit abgebildet und gleichgestellt. Es ist egal, ob du in einer Fabrik oder zuhause einer Arbeit nachgehst. Es ist immer ein Ritual.

Dann werden Ganzkörper-Tattoos einer japanischen Yakuza-Bande den Tätowierungen von Kindern des brasilianischen Yanomami-Stammes gegenübergestellt. Auch hier geht es um das Ritual, das hier wie dort dasselbe bewirkt.

In Zeitraffer ablaufende Straßenszenen scheinen entmenschlichend zu wirken. Da die Menschen zwischen dem größeren Bewegungsmuster von Autos, Bussen und Bahnen verloren gehen, wird hier auf das Ritual der Selbstaufgabe und Selbstablehnung hingewiesen. Die Menschen zahlen einen hohen Preis, wenn sie ihre Rituale nicht durchschauen. Diese Entmenschlichung zeigt sich auch in der Abholzung der Wälder und Vernichtung von Lebensraum für Menschen. Das können nur Menschen tun, die sich bereits selbst ablehnen und in den Ritualen der Arbeit zu versinken scheinen.

Wenn der Film dann Fabriken, Fließbandproduktion, Eierfabriken, Hühnerschlachtfabriken zeigt und weggeworfene Küken, die einen großen Trichter hinunterrutschen, besteht die Botschaft sicher darin, die Rituale der Gedankenlosigkeit zu betrachten.

Eine Großstadt, mit ihrer scheinbaren Überbevölkerung muss kein Nachteil für die Menschen bedeutet. Der Nachteil besteht in der Gedankenlosigkeit bzw. Unbewusstheit, mit der sich die Menschen selbst und gegenseitig im Weg stehen.

Armut oder Reichtum ist eine Betrachtungsweise, die genauso nicht existiert, wie gut und schlecht. Wenn Menschen sich selbst nicht zu helfen wissen sind sie darauf angewiesen, dass andere ihnen behilflich sind. So geraten sie rasch in selbst erschaffene Abhängigkeiten, aus denen sie scheinbar nicht heraus kommen können. Aber eigentlich müssten sie nur damit aufhören, ihre einstudierten Rituale zu leben.

Der Kontrast zwischen modernen chinesischen Soldaten, die den Platz des Himmlischen Friedens bewachen und den Bildern der alten chinesischen Statuen der Terrakotta-Armee ist besonders eindrucksvoll. Weil wir doch wissen, dass es sich bei der Terrakotta-Armee um ein eingefrorenes Ritual handelt. Die Ton-Soldaten dienen symbolisch der Bewachung des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi nach seinem Tod um 210 v. Chr.

Wir gehen noch etwas zurück in der Zeit, nach Persepolis, Iran. Hier sehen wir eine zerstörte Residenzstadt. Ich lese aus den Bildern das Ritual der Zerstörung durch Erdbeben oder durch die Sieger gegen die Besiegten eines Krieges. Das ist das Ritual des Wandels. Alles, aber auch alles ist der Vergänglichkeit unterworfen.

Schwache Gemüter mögen bitte ab der 76. Min. für drei Minuten wegsehen. Da werden in Indien Leichen unter freiem Himmel verbrannt. An einer Stelle ist das Feuer schon fast erloschen, dennoch ragt der Kopf und ein nichtverbranntes Bein heraus. Das sind eben Rituale in Indien.

Alles was existieren möchte und sich im Sein ausdrücken möchte, beeinträchtigt die Existenz anderen Seins. Mit Ritualen färben wir uns die eigene Vergänglichkeit schön. Es fühlt sich nur gut an, wenn wir uns wie die Derwische drehen, wenn wir im Affengesang sind, wenn wir Dinge tun, die uns vertraut sind.

Der Film macht deutlich, dass es ohne Rituale scheinbar nicht geht. Er macht aber auch deutlich, dass wir in Ritualen gefangen sind. Je intensiver wir die eigenen Rituale hinterfragen und den Grund für ihre Existenz erkennen, desto mehr schaufeln wir uns frei aus der selbst erschaffenen Gefangenschaft.

Übrigens: Der Begriff Baraka hat den Begriff Baracke in den deutschen Sprachraum gebracht. Wie ich oben erwähnt habe, stellt der Begriff Baraka in der Sufi-Sprache eine Art Segenskraft dar und damit einen Schutz. Wenn wir das Sinnbild einer Baracke hinzuziehen wird es vielleicht etwas deutlicher. Die Baracke ist eine nicht unterkellerte, einstöckige Unterkunft, die als eine schützende Behausung betrachtet werden kann.

Für Rituale kann diese Deutung durchaus übernommen werden. Mit einem Ritual wird ein Raum erschaffen, in dem nur die Handlung des Rituals selbst zu existieren scheinen. Angst, Emotionen, Pläne, Schmerz, Empfindungen, die unangenehm sind, treten in den Hintergrund. So kann der Charakter der Segenskraft von Ritualen schon sehr gut und verständlich erfasst werden.

Da ich keine einzige Filmkritik gefunden habe, die diesen Film so erfasst haben, wie ich ihn sehe, fühlte ich mich dazu veranlasst, dem Film Baraka, der eigentlich keine Worte braucht, doch ein paar Worte zu geben. Danke für Deine Aufmerksamkeit.

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